Wörter schaffen Gedanken
Sie erklären einem nahestehenden Menschen etwas Einfaches, und er versteht es auf seine Weise. Erklärt er etwas, hören nun Sie nicht das, was er sagen wollte. Und Worte, die nur gesagt werden, um wichtig zu klingen, haben Sie auch schon oft gehört. All das bemerken Sie selten: Die Wörter kommen von selbst, die Gedanken fügen sich von selbst aus ihnen zusammen, und Sie benutzen sie, ohne hinzusehen. Wie oft fragen Sie sich, woher Sie die Wörter haben, mit denen Sie denken? Und woraus bestehen Ihre Gedanken?
Gedanken bestehen aus Wörtern
Wörter hören und sprechen Sie jeden Tag, aber wer weiß heute, was ein Wort ist? Es klingt vertraut und scheint verständlich, doch der Kern, der darin steckt, entgleitet einem. Selbst den Satz „Wörter schaffen Gedanken“ wiederholen viele, ohne zu spüren, wie viel dahintersteht.
Der Kern eines Wortes liegt in seinem Ursprung. Etymologie heißt aus dem Griechischen übersetzt die Lehre von der wahren Bedeutung eines Wortes: Sie zeigt, aus welcher Wurzel ein Wort gewachsen ist und was von Anfang an in ihm angelegt war. Die wahren Bedeutungen verbindet die Grammatik miteinander, aus ihnen ergibt sich der Sinn, aus dem Sinn baut sich die Logik auf, und so formen Wörter die Bewusstheit.
Man nimmt gemeinhin an, dass Gedanken die Wirklichkeit schaffen, nur bestehen die Gedanken selbst aus Wörtern. Ohne Sprache können Sie nicht denken, und Sprache, das sind Ihre Wörter. Also sind es die Wörter, die Gedanken schaffen.
Es ist ganz einfach, wenn man es nicht verkompliziert. Sind die Wörter verzerrt, sind es auch die Gedanken und mit ihnen Ihre ganze Wirklichkeit.
Wie es seit Ihrer Geburt hieß, so sehen Sie es
Stellen Sie sich vor, Ihre Familie hätte von Ihrer Geburt an in Ihrer Gegenwart das Wasser „Brennholz“ genannt und den Tag „Schatten“. Genau so würden Sie es dann auch wahrnehmen. Die Wörter würden Sie von denen übernehmen, die um Sie sind, und andere Namen hätten Sie schlicht nicht. Hätten Sie Durst, würden Sie um Brennholz bitten, und man brächte Ihnen Wasser: Zu Hause sagen es ja alle so.
Zu Besuch bei anderen brächte man Ihnen auf dieselbe Bitte Holzscheite, und Sie würden sich wundern, warum man Sie nicht versteht.
Und Sie würden streiten und genau das verteidigen, was Sie daran hindern würde, andere zu verstehen, und andere daran, Sie zu verstehen. Es sind ja Ihre Wörter von zu Hause, gesprochen von den Menschen, die Ihnen am nächsten stehen, und nachzugeben hieße zuzugeben, dass sie sich geirrt haben.
Im Beispiel mit dem Brennholz und dem Schatten sieht man den Fehler sofort. Bei Wörtern für das, was man weder sehen noch anfassen kann, ist es schwieriger: Es gibt nichts, womit man sie abgleichen könnte, und der Fehler bleibt leicht unbemerkt.
Ihre eigenen Wörter haben Sie auf demselben Weg bekommen und wohl kaum je überprüft. Und Ihre Kinder hören von den ersten Tagen an, wie Sie die Dinge nennen.
Am wichtigsten ist hier das Alter bis zwei Jahre, obwohl kaum jemand davon weiß und man es manchmal sogar ignoriert. Das Kind fängt gerade erst an, sich „Mama“, „Papa“ und alles andere zu merken, und Sie denken, es habe noch keine Bewusstheit und verstehe nichts. Es versteht tatsächlich nichts, aber gerade in dieser Zeit nimmt es vieles gut auf. Deshalb drücken manche Eltern ihre Gedanken in Gegenwart des Kindes von Anfang an etymologisch richtig aus. Aber wie viele Eltern gehen so vor?
Jeder hat seine eigene Wahrheit
Wir sehen und verstehen alles gleich, nur die Haltung dazu ist bei jedem ein wenig anders. Die Wörter sind durch viele Menschen zu uns gekommen, und zu allen Zeiten hat jeder von ihnen sie auf seine Weise verstanden und seine eigene Haltung zu ihnen gehabt. Daher auch die Redensart: Jeder hat seine eigene Wahrheit.
Zu dem, was von anderen kommt, tritt der eigene Charakter hinzu, und jeder hat seine eigenen Züge, wie Fingerabdrücke und DNA. Nichts wiederholt sich. Es wiederholen sich nur Stereotype, also das, was man ein einheitliches Drehbuch für alle nennt.
Neue Wörter verleihen nur Wichtigkeit
Jedes Wort trägt eine Bedeutung in sich, nur gebraucht man Wörter, wie es einem gerade passt. Heraus kommt Wortgeklingel, in dem weder Sinn noch Ordnung steckt. Und neue Wörter und Bedeutungen führt man nur ein, um jemandes Wichtigkeit zu unterstreichen. Gewicht steht nicht dahinter, Verständnis auch nicht, und vor allem fehlt der Kern, aus dem alles besteht. Heute sind solche Wörter zur Norm geworden.
Nehmen Sie irgendein neues Wort, das Sie sich selbst in letzter Zeit angewöhnt haben, und versuchen Sie, es einfach zu erklären. Steckt ein Kern dahinter?
Jeder hört Worte durch sich selbst
Was immer Sie sagen, Ihre Worte begleitet stets das, was der Zuhörer selbst ist. Das sind seine Wahrnehmung, seine Bewusstheit, seine innere Welt und alle Muster, aus denen er selbst besteht. Bei jedem Stimmungswechsel merkt er nicht einmal, dass die Worte für ihn etwas ganz anderes bedeuten oder gar nichts, weil seine Meinung schon feststeht. Und steht die Meinung fest, ist das Verstehen gestört.
Sie selbst hören genauso zu: Steht Ihre Meinung über einen Menschen schon fest, hören Sie jedes seiner Worte durch diese Meinung hindurch.
Deshalb denkt auch niemand darüber nach, dass andere Ihre Gedanken, Überlegungen und Worte, die Sie etymologisch falsch vermitteln, auf ihre eigene Weise aufnehmen. Warum das so ist, versteht man nicht, und irgendwer fängt an, irgendwen anzuschreien. Das betrifft Lehrer genauso wie alle anderen. Dabei fällt auf, dass gewöhnliche Bewusstheit selbst denen fehlt, die meinen, nach dem Stereotyp müssten sie welche haben.
Fragen an sich selbst
Prüfen Sie die Wörter, mit denen Sie denken:
- Aus welchen Wörtern bestand heute Ihr schwerster Gedanke?
- Welche Wörter aus Ihrer Kindheit verteidigen Sie bis heute, ohne sie je überprüft zu haben?
- Wessen Haltung zu den Dingen haben Sie mit den Wörtern mitgeerbt?
- Wo steckt in Ihren Wörtern ein Stereotyp, das alle wiederholen?
- Welches neue Wort sagen Sie am häufigsten, und welchen Kern trägt es in sich?
- Über wen steht Ihre Meinung schon so lange fest, dass Sie ihn nicht mehr hören?
Nehmen Sie für den Anfang das gewohnteste Wort und fragen Sie sich, was es für Sie bedeutet und von wem Sie es haben. Wenn es sich sperrt, schreiben Sie mir unten: Wir sehen es uns gemeinsam an.
Kurz gesagt
Woraus bestehen Gedanken?
Aus Wörtern. Ohne Sprache kann man nicht denken, und Sprache, das sind Wörter. Sind die Wörter verzerrt, sind es auch die Gedanken und mit ihnen die ganze Wirklichkeit eines Menschen.
Warum hat jeder seine eigene Wahrheit?
Die Wörter sind durch viele Menschen zu uns gekommen, und jeder hat sie auf seine Weise verstanden und seine eigene Haltung zu ihnen gehabt. Dazu kommt der eigene Charakter, der sich so wenig wiederholt wie Fingerabdrücke. Es wiederholen sich nur Stereotype.
Wozu führt man neue Wörter ein?
Nur um jemandes Wichtigkeit zu unterstreichen. Hinter ihnen stehen weder Gewicht noch Verständnis noch ein Kern.
Warum hört der andere nicht das, was Sie gesagt haben?
Ihre Worte begleitet immer das, was der Zuhörer selbst ist: seine Wahrnehmung, seine innere Welt, seine Muster. Und wenn seine Meinung schon feststeht, merkt er nicht, dass die Worte für ihn etwas anderes bedeuten.